Narben – Zeichen von vergangenen Tagen

Was Narben mit Schmerzen und Bewegungs- und Leistungsfähigkeit zu tun haben

 

Narben haben einen bedeutsamen Einfluss auf das Nervensystem und die Bewegungssteuerung, da der „Input“ der Haut gestört ist. Bildquelle: fotalia.com, ©Artem Furman

Jedes Organ hat neben seinen Hauptfunktionen immer auch eine Verbindung zum zentralen und peripheren Nervensystem (abgekürzt ZNS und PNS). Man könnte auch sagen zwischen jedem Organ und jeder Zelle im menschlichen Körper findet gegenseitige Kommunikation statt. Dadurch beeinflussen sich auch Strukturen, die räumlich getrennt voneinander zu funktionieren scheinen.

Die Haut spielt als eins der größten Organe eine bedeutende Rolle für das Nervensystem, da wir entscheidende Umweltinformationen über die Haut aufnehmen. In der Tat ist die Haut das Organ, welches am meisten der Umwelt ausgesetzt ist. Durch Narben wird die Integrität der Haut beeinträchtigt, denn es handelt sich meist um nicht nur oberflächige, sondern tiefe Gewebeverletzung in allen Richtungen. Daher wird auch das darunterliegende Fasziengewebe betroffen, welches eine bedeutende Rolle bei Schmerzen und aber auch für unser Bewegungssystem spielt.

Bei jeder Bewegung des Rumpfes oder der Extremitäten müssen die sogenannten Myofaszien um die Muskeln, Knochen und Gelenke gleiten. Im Fall von Mobilitätseinschränkungen wie durch Narben oder auch Triggerpunkte ist die Geschmeidigkeit und Gleitfähigkeit der Myofaszien eingeschränkt , sie „verfilzen“ dann und senden fehlerhafte Signale an das Gehirn. Dadurch wird die Bewegungssteuerung negativ beeinflusst und es führt zu mangelnder Stabilisierung in verschiedenen Körperbereichen wie z.B. dem Rumpf.

Was bedeutet das alles?

Ein Beispiel ist der klassische Kaiserschnitt bei Frauen, welcher durch die Durchtrennung aller Bauchschichten eine tiefe Gewebeverletzung darstellt. Dadurch wird die Ansteuerung auf Muskelgruppen, die die Wirbelsäule und das Becken stabilisieren, wie z.B. die querverlaufende Bauchmuskulatur, geschwächt. Der Körper muss das nun ausgleichen, was beispielsweise durch eine erhöhte Muskelspannung in den Rückenstreckermuskeln und/oder dem Zwerchfell geschieht. Somit ist temporär mehr Stabilität im Rumpf gegeben, die den Körper erstmal schützt. Langfristig jedoch führt die Überspannung im Rücken und im Zwerchfell zu fehlerhaften Atemmustern und Spannungsschmerzen im Rücken, die durch klassische Methoden oft nicht zufriedenstellend verbessert werden können.

Eine Behandlung, die hier nur den „Rücken“, die „Verspannungen“ oder nur „die Narbe“ (wenn überhaupt) im Blickpunkt hat, kann die fehlerhaften Bewegungen nicht verbessern, da dadurch nicht die Bewegungssteuerung adressiert wird.

Hier kommt ein neurobasierter Ansatz ins Spiel, mit dem man die “Signalqualität” von oberflächlichem und tiefem Gewebe beurteilen kann. Eine Narbe kann sogar in bestimmten Richtungen, sogenannten Vektoren, fehlerhafte Signale an das ZNS senden.

Beweglichkeitsveränderungen durch Korrektur einer Narben-Dysfunktion. Sobald unser Nervensystem also die richtigen Informationen bekommt, können sich Beweglichkeits- und Leistungseinschränkungen deutlich reduzieren.

Mit Hilfe neurologischer Testprotokolle ist es möglich, diese spezifische Geweberichtung herauszufinden, die das zentrale Nervensystem negativ beeinflusst.

Die Korrektur von fehlerhaften Bewegungsmustern, die von einer neuronalen Gewebestörung ausgehen, kann teilweise sehr eindrucksvolle Ergebnisse zeigen. Im unteren Bild sieht man die Schulterbeweglichkeit (Innenrotation) eines Handball-Athleten vor und nach einer solchen Korrektur. Da der Muskeltonus und die Gelenkbeweglichkeit primär neuronal gesteuert wird, kann er auch durch Veränderungen der Haut und des Bindegewebes beeinflusst werden.

Die im rechten Bild zu sehende Narbe auf dem Unterarm, die von einer älteren Fraktur stammte, war neurologisch gesehen in einer bestimmten Bewegungsrichtung “überaktiv”, was die Muskelbalance im gleichseitigen Schultergürtel durcheinandergebracht hat. Durch die korrekte Behandlung der neurologischen Fehlsignale der Narbe hat sich nicht nur die passive Beweglichkeit im Glenohumeralgelenk (Schultergelenk) deutlich verbessert, sondern auch die allgemeine Funktion und Bewegungsfähigkeit im gesamten Schultergürtel.

Unser Nervensystem kann also dafür sorgen, dass unser Körper in den verschiedensten Bereichen blockiert ist.

Wenn ein Auto nicht korrekt fährt und der Mechaniker entdeckt ein kaputtes Teil, kann man dieses Teil reparieren. Wenn die Handbremse aber weiter angezogen bleibt, nützt auch das neue Teil nicht viel…

Hier noch zwei wissenschaftliche Artikel, die sich mit der Thematik beschäftigen:

http://eugenept.com/pdfs/clinicaimprtance.pdf

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3883554/

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Daniel Müller NKT

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Sport- und Bewegungstherapeut und Trainer verbinde ich meinen Wissens- und Erfahrungsschatz aus neurobasierten Ansätzen und Natural Movement zu einer individuellen Herangehensweise, die auf hohe Bewegungsqualität abzielt, egal ob in der Therapie oder im Hochleistungssport. Ich kombiniere medizinisch-therapeutisches Wissen mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, einem breiten Verständnis für menschliche Bewegungen und Trainingslehre sowie einem bio-psycho-sozialen Modell von Gesundheit.