Ist es gut, wenn Muskeln fest sind?

 

Oftmals besteht der Irrglaube, dass Muskeln stählern und fest sein müssen und somit eine hohe Leistungsfähigkeit wiederspiegeln.
Dies ist so nicht ganz korrekt. Man sollte sich Folgendes vergegenwärtigen:
Muskel- / Bindegewebe, welches in einem gesunden, gut funktionierenden Zustand ist, ist sowohl weich und geschmeidig (niedriger Muskeltonus), als auch fest bzw. hart (hoher Muskeltonus).
 
Entscheidend ist das Timing: Muskeln sollten während willkürlicher und unwillkürlicher Kontraktion logischerweise an Festigkeit zunehmen (wenn das nicht mehr klappt, besteht ein Kraft- oder Stabilitätsmangel!).

Dies ist in der Regel in zwei möglichen Szenarien nötig:

1. Situationen, in denen unsere Muskeln reflexiv arbeiten:

Es findet eine Muskelkontraktion statt, die reflexiv gesteuert wird (über die drei efferenten Bahnen Tractus vestibulospinalis, Tractus reticulospinalis und Tractus tectospinalis). Eine typische Situation für „Stabilität“, die unsere Gelenke schützt, beispielsweise wenn ein Kickboxer einen Tritt oder Schlag abzuwehren versucht. Unser Organismus sorgt reflexiv dafür, dass die nötige Muskelspannung zur richtigen Zeit aufrechterhalten wird, um unsere Gelenke, Knochen, Muskeln und Organe geschützt werden (siehe Bild).

Reflexive Stabilisierung der Muskulatur dient dem Schutz des Bewegungsapparates (Bildquelle: pexels.com)

 

2. Situationen, in denen wir unsere Muskeln willkürlich anspannen:

Die Muskelkontraktion wird in diesem Fall willkürlich, also unter bewusster Kontrolle ausgeführt. Ein gutes Beispiel ist ein Bodybuilder, der seine Muskeln bewusst zum Kontrahieren bringt (siehe Bild). Der hohe Muskeltonus ist hier eine zentrale Komponente, um Hypertrophie (Muskelwachstum) zu erreichen.

Bei willkürlicher Muskelkontraktion ist ein erhöhter Muskeltonus erwünscht, z.B. um einen Hypertrophieeffekt zu erreichen. (Bildquelle: pexels.com)

In beiden Situationen wird Festigkeit, also hohe Muskelspannung gefordert. Wenn Muskeln jedoch nicht aktiv benutzt werden, sollten sie auch keine Festigkeit aufweisen.

Eine Ausnahme sind Verletzungen oder Überlastungserscheinungen, die z.B. durch Ödeme gekennzeichnet sind, wodurch Muskeln auch temporär verhärten können.

Die Qualität eines Muskels, zum richtigen Zeitpunkt zu entspannen, ist ebenfalls ein entscheidendes Kriterium für ein gut funktionierendes neuro-muskuläres System und ein effizientes Bewegungsmuster.

Generell sollten Muskeln in Ruhe keine hohe Grundspannung haben. Des Weiteren sollten Muskeln bzw. Muskelgruppen, die für eine beliebige Bewegung nicht von zentraler Relevanz sind, nicht zusätzlich anspannen.

Das ganze lässt sich am folgenden Beispiel verdeutlichen: Wenn ich aufrecht stehe und den rechten Arm gestreckt vor dem Körper anhebe (Schulterflexion), sollten dann meine Halsextensoren einen höheren Tonus bekommen?

Sicher nicht, es gibt keinen größeren Anlass, warum sie das tun sollten. Ein ähnliches Beispiel: Wenn ich in Rückenlage meinen Kopf anhebe, sollten dann meine Zehenbeuger (M. Flexor digitorum) anspannen? Sicher auch nicht, es gibt keinen Anlass, warum sie den Körper oder die Füße stabilisieren sollten, wenn ich nur ruhig in Rückenlage liege und meinen Kopf anhebe.

In der Realität passieren diese „Zusatzbewegungen“ jedoch tatsächlich, sie sind kompensatorische Strategien, die dem Nervensystem einen Schutz bieten. Es handelt sich dabei um Dysfunktionen in der Bewegungssteuerung.

Weitere Informationen auch siehe „Der Dirigent“: https://danielmueller-nbt.de/das-gehirn-der-dirigent-der-bewegungen/

Der entscheidende Punkt ist, dass die Muskelspannung, die durch kompensatorische Kontraktionen entstehen kann, vom zentralen Nervensystem reguliert wird. Wenn also bestimmte Muskeln bzw. Muskelgruppen einen höheren Tonus aufweisen, muss man sich die Frage stellen, WARUM die Tonuserhöhung vom ZNS in erster Linie überhaupt angewiesen wurde.

Besonders wenn Muskeln chronisch, also dauerhaft „fest“ sind, ist dies ein Zeichen dafür, dass diese eine Dysfunktion aufweisen.

Muskeln, die chronisch verhärtet oder fest sind, können sowohl neuronal unteraktiv (gehemmt), oder überaktiv (fazilitiert) sein.

Muskeln, die aufgrund einer SCHUTZREAKTION des Nervensystems in hohem Tonus sind, sprechen meist nur sehr schwach auf DEHNÜBUNGEN an, da die Ursache für die hohe Grundspannung nicht gelöst wurde.

Hier ist eine Auswahl an Muskeln, die oftmals aufgrund von hohem Tonus gedehnt werden, obwohl sie neuronal eher gehemmt sind:

  • M. Psoas major
  • M. Latissimus dorsi
  • M. Piriformis
  • M. Gluteus medius
  • M. Tensor faszia latae
  • M. Rectus Femoris
  • M. Tibialis posterior
  • M. Flexor hallucis longus

Daher ist die Fähigkeit, den Muskelstatus zu beurteilen, eine entscheidene Qualität, die ein Movement Coach im Repertoire haben sollte, um Dysfunktionen und Kompensationsmuster im Bewegungsapparat seiner Klienten zu ermitteln.

Dies kann man vor allem durch die Kombination folgender zwei Methoden herausfinden:

  1. Muskeltests, die auf den neurologischen Status eines Muskels ausgerichtet sind.

Mittels Muskelfunktionstests, die auf die neuro-muskuläre Ansteuerung abzielen (NICHT auf Kraft!), kann man herausfinden, in welchem Status die „feste“ Muskulatur ist. Dabei ist wichtig zu wissen, dass ein einzelner Muskeltests NICHTS über den neurologischen Status eines Muskels aussagt. Erst im Zusammenspiel mit weiteren Muskeltests oder propriozeptiven Reizen kann man seinen tatsächlichen Status im Bewegungssystem herausfinden.

  1. Die Fähigkeit, den Status von Muskel- und Bindegewebe anhand des Tast- und Druckempfindens einzuordnen (Palpation)

Ein gutes Gefühl im Abtasten und Fühlen von zu hohem und zu geringem Tonus im myofaszialen Gewebe ist ebenfalls eine entscheidene Fähigkeit. Der Hauptaspekt bei der palpatorischen Untersuchung sollten diejenigen Strukturen sein, die kontraktile Qualitäten aufweisen (Myo-fasziales Gewebe). Ein sehr guter Coach / Therapeut / Movement Trainer kann sogar anhand seiner palpatorischen Qualitäten schon herausfinden, in welchem Zustand sich das Gewebe befindet, welches er palpiert (neuronal gehemmt oder überaktiv).

Eine exzellente Form ist die Kombination beider Methoden, um zu den besten Ergebnissen zu gelangen.

In meiner Tätigkeit als Sporttherapeut / Movement Coach nutze ich zunächst Bewegungs-Assessments, um mir ein Überblick über relevante Bewegungsmuster zu machen. Der nächste Schritt ist dann ein palpatorisches Assessment, um einen Überblick über den Tonus vom Muskelgewebe zu haben. Mit den Bereichen im Blick, die ich mir aufgrund von zu hohem oder besonders niedrigem Tonus gemerkt habe, mache ich dann gezielte Muskeltests im Zusammenspiel mit der Verletzungshistorie des Klienten (unter Berücksichtigung von Narben, Augenbewegungen, Stürzen, Bandapparat, Gleichgewichtsapparat u.a.).

Wenn die Haupteinflussfaktoren für eine Störung in der Bewegungssteuerung gefunden sind, gilt es diese durch gezielte Übungen zu beseitigen.

Neurokinetische Therapie ist eine ausgezeichnete Methode, um über Muskeltests den neurologischen Status eines Muskels und seine Wechselwirkung im gesamten Bewegungsapparat zu erfassen und gleichzeitig eine Toolbox für korrektive Übungen in der Hand zu haben. Des Weiteren empfehle ich jedem Trainer / Therapeuten, seine palpatorischen Qualitäten stets zu verbessern.

Sportliche Grüße,

Daniel

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Daniel Müller NKT

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Sport- und Bewegungstherapeut und Trainer verbinde ich meinen Wissens- und Erfahrungsschatz aus neurobasierten Ansätzen und Natural Movement zu einer individuellen Herangehensweise, die auf hohe Bewegungsqualität abzielt, egal ob in der Therapie oder im Hochleistungssport. Ich kombiniere medizinisch-therapeutisches Wissen mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, einem breiten Verständnis für menschliche Bewegungen und Trainingslehre sowie einem bio-psycho-sozialen Modell von Gesundheit.