Schmerzen und/oder Leistungseinbußen durch irritierte Nerven – ein neuromuskuläres Problem

 

Die peripheren Nervenleitungen, die ausgehend vom Rückenmark unsere Extremitäten durchziehen, versorgen die Haut mit Sensation (kinästhetische Wahrnehmung, also Berührungsempfinden) und die Muskelfasern mit motorischen Signalen zur Kontraktion (Anspannung).

 

Nerven-induzierte Schmerzen äußern sich oft in stechenden oder kribbelnden Erscheinungsformen, teilweise auch mit einer sichtbaren muskulären Instabilität oder verminderter Berührungsempfindlichkeit.

 

Leistungseinschränkungen durch die Einengung oder Irritation von Nerven machen sich meist durch einen verminderten Bewegungsbereich oder ein unsicheres Gefühl in der betroffenen Region bemerkbar.

 

Auch das bei vielen Dauer-Sitzern bekannte Gefühl der „Festigkeit“ oder „Müdigkeit“ in den vorderen Hüften kann eine Vor-Form von Nervenkompression (Zusammenquetschen) sein. Die Folge ist oft, dass man die zu spürende Spannung „wegdehnen“ möchte, um Linderung zu erhalten.

 

Meist liegt jedoch folgendes Szenario vor: die den Nerv umgebende Muskulatur und das Bindegewebe ist durch eine mangelnde neuromuskuläre Ansteuerung verfestigt und am sauberen Übereinander-Gleiten verhindert.
Myofaszien (also die Muskeln umgebenden Bindegewebshüllen), die unser Gehirn nicht optimal ansteuert, haben die Fähigkeit, eine abrasive (scheurige) Oberfläche zu bilden, die dann die darin eingeschlossenen Nerven irritiert.

 

Die Strukturen zu dehnen, die sich „fest“ anfühlen, verschlimmbessert die Situation nur, denn es handelt sich um ein Instabilitätsproblem, welches durch Dehnen nicht gelöst werden kann! Die Muskulatur muss wieder aktiviert werden, denn sie ist entweder durch vergangene Verletzungen oder Traumata gehemmt, oder durch monotone Alltagspositionen, die das saubere Gleiten aller Bindegewebsschichten und das Aktivieren ganzer Muskelketten einschränken.

 

Ein klassiches Beispiel ist das sogenannte „Piriformis-Syndrom“, bei dem wie wild die hüftrotierende Muskulatur gedehnt wird, ohne zu überprüfen, WOHER die Spannung kommt. In 9 von 10 Fällen ist die Muskulatur neuronal gehemmt, weshalb eine überschnelle Dehnung erstmal garnichts bringt, außer maximal kurze Linderung.

 

Ebenfalls von dieser Thematik betroffen: stechende Schmerzen, Festigkeit, Empfindlichkeit oder Krämpfe in der Beinrückseite (Oberschenkelrückseite oder in den Waden). Hier liegt ganz oft eine neuronale Hemmung vor und Dehnungen sind nicht primär für das Problem verantwortlich.

 

Im Bild sieht man einige der wichtigsten vorderen Hüftmuskeln, besonders der lange Musculus Psoas Major (großer Lendenmuskel) ist von großer Bedeutung (die Schweinelenden-artige Struktur, die von der Lendenwirbelsäule bis zum Oberschenkel zieht).

 

Eine Klientin hatte mich gebeten, nach ihren stechenden Schmerzen in der vorderen Hüfte zu sehen, sie hatte sich immer versucht nach hinten zu strecken (Dehnung), aber damit wurde es nur schlimmer, in gebeugter Position (Fahrradfahren) ging es besser.

 

Die neuromuskulären Tests mittels NKT zeigten, dass der Musculus Psoas Major neuronal gehemmt war – und somit auf den darunterliegenden Nervus femoralis drückte. Nach weiteren Tests fanden wir heraus, dass die Hüftstreckermuskulatur (Gesäß) für ihren M. Psoas Major überkompensiert haben. Eine gute Lockerung der hinteren Hüftkapsel und eine Aktivierung des M. Psoas später konnte die Frau ohne jede Form von Einschränkungen nach Hause gehen.

 

Das interessante bei Nervenirritationen ist, dass wie in diesem Beispiel, die Irritation sofort verringert wird, sobald das Gehirn wieder „Zugriff“ auf die gehemmte Struktur hat. Das Gleiten innerhalb des Bindegewebes wird augenblicklich verbessert und somit gehen auch die damit verbundenen Symptome deutlich oder vollständig weg. Mit Hausaufgaben zum Einspeichern der neuen Bewegungsmuster auch dauerhaft.

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Daniel Müller NKT

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Sport- und Bewegungstherapeut und Trainer verbinde ich meinen Wissens- und Erfahrungsschatz aus neurobasierten Ansätzen und Natural Movement zu einer individuellen Herangehensweise, die auf hohe Bewegungsqualität abzielt, egal ob in der Therapie oder im Hochleistungssport. Ich kombiniere medizinisch-therapeutisches Wissen mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, einem breiten Verständnis für menschliche Bewegungen und Trainingslehre sowie einem bio-psycho-sozialen Modell von Gesundheit.