KOMPENSATIONSMUSTER IM BEWEGUNGSSYSTEM

Grundlagen und Arten von Kompensationsmustern

Unser Bewegungsapparat ist ein erstaunlich anpassungsfähiges System, das sich einer nahezu unbegrenzten Anzahl an Anforderungen und Belastungen anpassen kann. So kommt es, dass wir in der Lage sind, höchst komplexe Bewegungen auszuführen und High Performance zu liefern – sowohl im Sport als auch bei alltäglichen Bewegungsaufgaben. Die Anpassungsfähigkeit des Bewegungssystems hat jedoch auch Kompensationsmuster zur Folge – wie diese entstehen und in welcher Art sie sich bemerkbar machen können, erläutere ich in dem folgenden Artikel.

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DEIN KÖRPER IST EIN GENIE!

Jeder, der schon einmal eine Verletzung gehabt hat, kennt die typische erste Reaktion: man möchte eine Belastung der verletzten Region erst einmal meiden, um weitere Folgeschäden zu verringern. Nehmen wir uns folgendes gängige Beispiel vor: du knickst beim Laufen im Wald mit dem rechten Fuß um, deine Knöchelaußenseite wird kurzzeitig überdehnt, Supinationstrauma sagt der Fachmann. Du kannst dein rechtes Bein zwar noch belasten, jedoch nicht mit dem vollen Körpergewicht. Als Ausweichverhalten belastest du vermehrt das linke Bein, die Bodenkontaktzeit des rechten Beins verringerst du automatisch, indem du dein Abrollverhalten des verletzten Beins zeitlich verkürzt.

Dies ist eine völlig natürliche Reaktion, die deinem Körper erlaubt, für eine gewisse Zeit lang das rechte Sprunggelenk zu entlasten, um eine schnellere Heilung des verletzten Gewebes zu ermöglichen, als unter Vollbelastung. Die Schmerzen, die du spürst, sind der erste Impuls dafür, dass du diese “Schonhaltung”, wie man so schön sagt, einnimmst.

Kompensationsmuster treten unmittelbar nach einer Verletzung auf. Obwohl die strukturelle Heilung von Gewebe abgeschlossen ist, können Kompensationsmuster noch mehrere Jahre / Jahrzehnte bestehen bleiben. Bildquelle: fotalia.com, ©lassedesignen

Was hat das zu bedeuten?

Was durch dieses Fallbeispiel simpel dargestellt ist, ist tatsächlich etwas höchst Beeindruckendes: Dein Körper ist in der Lage, für jede mögliche Form von Ungleichgewichten im Organismus eine Art Ersatzlösung zu finden. Wenn dein ph-Wert zu sauer ist, wird dies unter anderem durch eine erhöhte Atemfrequenz ausgeglichen. Funktioniert ein Organ nicht zu 100 Prozent, wird ein weiteres Organ in dem entsprechenden Regelkreis einen Mehraufwand an Arbeit leisten, um für deinen Körper ein Gleichgewicht (Homöostase) zu schaffen.

DIE BEWEGUNGSSTEUERUNG BEGINNT IM GEHIRN!

Im Bewegungsapparat gelten dieselben Gesetzmäßigkeiten: Wenn an einer Stelle etwas fehlt, wird es an anderer Stelle ausgeglichen. Das Beispiel mit dem umgeknickten Fuß zeigt dies auf simple Art und Weise – das rechte Bein wird entlastet, das linke Bein wird vermehrt belastet. Dabei spielt unser zentrales Nervensystem (ZNS) eine immense Rolle, denn unser Gehirn organisiert zusammen mit den peripheren Nerven und mit dem myofaszialen System (Muskel-Faszien-Netzwerk) jede Bewegung, von dem Fingerbeugen zum Fallrückzieher.

Was innerhalb einer komplexen Bewegung jedoch nicht immer sichtbar ist, sind die Mechanismen, mit deren Hilfe unser Körper “kompensiert”. Bewegungsmuster sind, einfach heruntergebrochen, eine zeitliche Abfolge von Muskelkontraktionen, die vom Gehirn gestartet und gesteuert werden. Diese Abfolge an Muskelkontraktionen kann sowohl im Timing als auch in der Qualität der Ansteuerung ineffizient werden. Weitere Infos dazu findest du hier:

Das Gehirn – der Dirigent der Bewegungen

Der Körper bewegt sich somit in Bewegungsmustern, die im Gehirn (genauer gesagt im sog. Cerebellum, Kleinhirn) verfügbar sind und sich sozusagen “einschleifen”, wenn zum Beispiel ein Kind laufen lernt. Nach jedem Hinfallen wird die Bewegung besser, bis das Kind schließlich laufen lernt und diese effiziente, erlernte Bewegung im Kleinhirn gespeichert wird. Es werden jedoch auch abweichende Bewegungsmuster gespeichert, die Bewegung ermöglichen, wenn eine Verletzung oder Überlastung stattgefunden hat. Dann versucht der Körper, die entstandene Störung zu umgehen und andere Strukturen vermehrt einzubinden. Dieses Kompensationsmuster kann durch eine klare Ausweichbewegung (siehe Beispiel Umknicken) entstehen, jedoch gibt es auch noch weitere Arten, wie unser Bewegungsapparat Ungleichgewichte auszubalancieren versucht.

WELCHE KOMPENSATIONSMUSTER GIBT ES UND WIE ENTSTEHEN SIE?

Grundlegend kann man zwischen drei verschiedenen Arten und Entstehungsverläufen unterscheiden:

  1. Primär neurobasierte Kompensationsmuster

Hierbei handelt es sich um eine Kompensation innerhalb der Bewegungssteuerung im  Gehirn. Unser zentrales Nervensystem nimmt permanent Informationen aus unseren Sinnesorganen auf (Input) und verarbeitet diese. Nach der Verarbeitung interpretiert das ZNS die wahrgenommenen Infos und entscheidet über die zu tätigende Handlung (Output).  Wenn beispielsweise ein System, das an der Bewegungssteuerung beteiligt ist, nicht ganz klare Signale liefert, kann die neuronale Ansteuerung an bestimmte Körperbereiche gehemmt sein, was sich in der Bewegung und somit in der Performance äußert.

Für die Bewegungssteuerung sind primär drei neuronale Systeme verantwortlich:

  • Das visuelle System (Sehsystem)
  • Das vestibuläre System (Gleichgewichtssystem)
  • Das propriozeptive System (Körpereigenwahrnehmung über Rezeptoren)

Ein “fehlerhaftes” Signal von auch nur einem der drei Systeme kann den gesamten Bewegungsapparat durcheinanderbringen. Dies könnte beispielsweise eine Differenz im peripheren Sehen auf einer Seite sein, oder ein Ungleichgewicht der Lageorientierung im Innenohr, welches durch einen Sturz auf eine Seite des Kopfes hervorgerufen wurde, genauso wie eine neuronal fehlerhafte Verschaltung zu einem Band am Hinterkopf oder wie in dem obigen Beispiel, ein Band am Sprunggelenk. Wenn unser ZNS solche fehlerhaften Signale wahrnimmt, entsteht eine Art “blinder Fleck” auf der repräsentativen Landkarte des Körpers auf der Großhirnrinde, dem sogenannten Homunculus. Als Ergebnis werden einzelne Muskeln oder ganze Muskelketten neuronal gehemmt, während andere übermäßige Arbeit leisten. Die Performance ist verringert, da der Körper kompensatorisch arbeitet, also ineffizient.

  1. Primär biomechanisch verursachte Kompensationsmuster

Diese Art von Kompensationsmustern laufen nach einem meist vorhersehbaren Muster ab, da das Muskel-Skelett-System biomechanischen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, die durch die anatomischen Gegebenheiten des Körpers in einer bestimmten Art und Weise zum Ausdruck kommen. Bleiben wir bei dem obigen Beispiel des Umknickens: Der Körper versucht nach dem Supinationstrauma des rechten Sprunggelenks aktiv, die Bewegung des Verletzungsmechanismus (übermäßige Inversion / Supination  im unteren rechten Sprunggelenk) zu vermeiden. Daher folgt eine Reihe an Ausweichbewegungen, die aufgrund der Knochen- und Gelenkformen einer bestimmten Abfolge unterliegt:

  • Das rechte untere Sprunggelenk tendiert zu mehr Pronation (Einwärtsdrehung), um die Supinationsbewegung zu vermeiden, das Körpergewicht und der Körperschwerpunkt entfernen sich somit vom rechten Fuß. Muskulär macht sich dies beispielsweise bemerkbar, indem die innenseitige Muskulatur (z. B. Adduktoren) im rechten Bein stärker angesteuert wird als die äußere Muskulatur (z. B. Abduktoren), während es im linken Bein umgedreht ist.
  • Die (im Vergleich zur neutralen Fußsstellung) vorhandene übermäßige Pronation hat eine Innenrotation des Schienbeins und Oberschenkels im rechten Bein zur Folge.
  • Basierend auf der anatomischen Artikulation zwischen Oberschenkel und Beckenschaufel kippt das rechte Becken (ausgehend von der neutraleren Ausrichtung vor der Verletzung) mehr nach vorn und kippt leicht nach unten (fußwärts) ab. Hier findet sich dadurch oft ein komprimiertes Iliosakralgelenk auf der Seite des umgeknickten Fußes.
  • Das seitliche Absenken der rechten Beckenschaufel hat eine weitere Reihe von Kompensationen zur Folge, diese sind eine linke Seitwärtskrümmung der Lendenwirbel- und Brustwirbelsäule und des Rippenkäfigs und somit ein Absenken der linken Schulter sowie eine rechte Seitwärtskrümmung der Halswirbelsäule. Einseitige Nackenverspannungen können somit ihre Ursache in der Fußstellung haben.

 

Um die Erklärung zu vereinfachen, sind in dieser Beschreibung noch nicht alle Bewegungsebenen jedes Gelenks genannt, in Realität passieren noch mehr Folgebewegungen. Vielleicht kannst du mit dieser Beschreibung eines Kompensationsmusters allerdings schon besser verstehen, warum viele Menschen einseitige Nackenschmerzen haben und gleichzeitig in der Vergangenheit mit einem Fuß mehrmals umgeknickt sind.

Der Punkt ist der folgende: Die Kompensationsmuster, die der Körper umsetzt, sind zeitweise total sinnvoll, da sie uns dazu befähigen, uns weiterzubewegen. Langfristig jedoch können sie Schaden anrichten, da einige Strukturen vermehrt arbeiten, während andere gehemmt sind.

 

  1. Haltungs- und Bewegungsveränderung durch psychosomatische Ursachen

Hier ist die Rede von Haltungen, die wir annehmen, wenn unser emotionales System nicht in Balance ist, beispielsweise wenn wir uns sehr traurig oder niedergeschlagen fühlen. Dann ist es eher wahrscheinlich, dass man “den Kopf oder die Schultern hängen lässt”, die Wirbelsäule weniger aufrecht hält und der gesamte Körper eher in Flexion (Beugung) und Innenrotation gehalten wird. Dies überträgt sich natürlich auch in die Bewegungsmuster, die wir im Alltag oder Sport benötigen. Im Grunde genommen ist dies auch eine Art von Kompensation – der Körper spart Energie, indem er in den “Schutzmodus” geht, da der Geist bzw. die mentale Verfassung mehr Energie raubt. Eine Homöostase anderer Art kann man sagen.

Wichtig zu wissen ist, dass die angesprochenen Entstehungsmöglichkeiten von Kompensationsmustern in der Realität nicht isoliert vorkommen, sondern sich eher schwerpunktartig äußern, jedoch miteinander zusammenhängen. So wird die primär neurophysiologische Dysfunktion den Bewegungsapparat beeinflussen und somit auch die biomechanische Belastung verändern. Umgedreht führt die veränderte biomechanische Situation im Fuß auch zu neuronalen Veränderungen, da der rechte Fuß weniger in die maximale Supination belastet wird. Auf der “Landkarte des Körpers”, dem Homunculus, wird die sensorische Information der Sprunggelenksaußenseite daher schwächer repräsentiert, was wiederum zu neuronalen Kompensationen führen kann.

Letztlich haben wir noch emotional-mentale Einflüsse, die unseren Körper stets in ein Ungleichgewicht bringen können, was sich auch in den zwei anderen Bereichen (Biomechanik und Neurophysiologie) niederschlagen kann.

 

WAS KANN EIN MOVEMENT COACH ALSO TUN?

Da jeder Bewegungsapparat durch die genannten Einflüsse verändert ist, können wir sagen, dass Kompensationsmuster ein grundlegender Bestandteil des Körpers sind. Sie sind nicht prinzipiell schlecht, im Gegenteil! Unser Körper leistet unglaubliche Anpassungsarbeit.

Trotz dessen lohnt es sich, Kompensationen zu erkennen und mit einem ausgeglichenen Trainingsprogramm individuelle Schwächen auszugleichen. Trainer und Therapeuten haben dazu verschiedene Möglichkeiten. Die einfachste Variante ist, Bewegungen zu studieren und sie per Videoaufnahmen immer wieder zu überprüfen, beispielsweise durch eine Ganganalyse oder funktionelle Bewegungstests. Wenn es um die Veränderung von Bewegungsmustern geht, gibt es eine Reihe von Methoden, die dies effizient lösen. Dabei darf niemals das zentrale Nervensystem mit all den bewegungssteuernden Systemen außer Acht gelassen werden, denn wenn ein zugrundeliegender “Signalfehler” nicht behoben wird, nützt jede Form von konventionellem Training nichts.

Fazit – Kompensationsmuster erkennen ist wichtig, aber sollte nicht die gesamte Trainingsphilosophie bestimmen

Der menschliche Organismus sucht ein permanentes Gleichgewicht (Homöostase) zwischen verschiedenen Funktionssystemen, Organen sowie zwischen Komponenten des Bewegungssystems. Dies kann sich in Kompensationsmuster verschiedener Art niederschlagen, die biomechanisch, neurophysiologisch, aber auch psychosomatisch verursacht und dementsprechend verändert werden können.

Ob du als Therapeut, Trainer, Coach oder Arzt arbeitest: wenn du mit dem menschlichen Bewegungsapparat arbeitest und die Bewegungsqualität deiner Klienten bzw. Patienten verbessern möchte, solltest du dich mit dem Thema Kompensationen auseinandersetzen.

Die Fähigkeit eines Movement Coaches jeder Art, Kompensationen zu entdecken, kann und sollte stetig verbessert werden – von der Entwicklung eines “geschulten Blicks” bis hin zu Testverfahren, die konkrete Zusammenhänge im Körper aufdecken können. Am Ende des Tages jedoch kommt es darauf an, dies in einem gesunden und konstruktiven Maße zu tun, d. h. nicht jede mögliche kompensatorische Bewegung stets verbessern zu wollen. Es geht um die Korrekturen, die einen bedeutsamen Einfluss auf die Bewegungsqualität haben – sorge hier für ein gutes Fundament und dann rein ins Training!

 

Sportliche Grüße,

 

Daniel

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Daniel Müller NKT

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Sport- und Bewegungstherapeut und Trainer verbinde ich meinen Wissens- und Erfahrungsschatz aus neurobasierten Ansätzen und Natural Movement zu einer individuellen Herangehensweise, die auf hohe Bewegungsqualität abzielt, egal ob in der Therapie oder im Hochleistungssport. Ich kombiniere medizinisch-therapeutisches Wissen mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, einem breiten Verständnis für menschliche Bewegungen und Trainingslehre sowie einem bio-psycho-sozialen Modell von Gesundheit.