Kompensation des Kiefergelenks

Die Kiefermuskulatur gehört zu den stärksten Muskeln (relativ zum Muskelvolumen) im gesamten Körper. Der stärkste Kiefermuskel, Musculus masseter, kann eine Kraft von bis zu 75kg auf die Kauflächen ausüben.

Die unten im Artikel angefügte Studie von Lee et al. (2014) zeigt deutliche Zusammenhänge zwischen der Kiefergelenksposition und der Griffkraft. In der Tat sind die Gehirnareale, die die Kiefergelenke und die Hände repräsentieren, sehr dicht beieinander. Jeder, der schon einmal ein Einweckglas oder einen Knoten nicht aufbekommen hat, weiß was passiert: man beißt die Zähne zusammen. Ähnlich wie beim Anhalten von Luft bekommt der Körper somit automatisch mehr zentrale Stabilität, die den Poweroutput erhöht. Die Studie von Busca et al. (2016) zeigt sogar bessere Leistungen in der Ruderzug-Kraft und vertikalen Sprungkraft, als die Athleten die Zähne zusammengebissen haben.

Da die Kiefermuskulatur jedoch willentlich steuerbar ist, kann sie innerhalb von komplexen Bewegungsmustern neuronal fehlerhaft „verschaltet“ sein und somit zu Kompensationsmustern führen. In diesem Fall wird die Stabilitätsfunktion „Kiefer anspannen“ übermäßig ausgeführt. Da die Kiefermuskulatur eine hohe Repräsentation im Nervensystem hat, kann sie im gesamten Körper zu fehlerhaften Bewegungsmustern führen.
Dies führt 1. zur Überlastung des Kiefergelenks und 2. zur geschwächten muskulären Sicherung in anderen Bereichen wie z.B. der Körpermitte (vor allem starke Zusammenhänge mit der Beckenposition). Das resultiert dann in z.B. Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen.

Auch die craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist eine sehr häufige Diagnose im zahnmedizinischen Bereich. Dabei handelt es sich in der Regel um Beschwerden im Bereich der Kiefergelenke (Kiefermuskulatur, Kiefergelenkskapsel) oder damit verbundene Ohrenschmerzen, Kopfschmerzen, Fehlstellungen des Kiefers und unausgeglichene Muskelausprägung, dadurch auch übermäßige Abnutzungserscheinungen der Zähne durch Knirschen.
Oft wird hier nach Lösungen gesucht, die Kiefermuskulatur zu entspannen. Das Problem ist, dass nur die Kieferstrukturen behandelt werden und nicht das Zusammenspiel mit dem restlichen Bewegungsapparat.

Mit Neurokinetischer Therapie ist es möglich herauszufinden, WARUM die Kiefermuskulatur neuronal überreguliert ist und mit welchen Bereichen diese Kompensation zusammenhängt. Mit einer Kombination aus manueller Lockerung und gezielten Bewegungsübungen werden die fehlerhaften Bewegungsmuster „umgeschrieben“, sodass die Kiefermuskulatur vom Nervensystem „losgelassen“ wird. Zusätzlich ist eine Analyse des Stressumgangs und der Körperhaltung hilfreich, da die Kiefermuskulatur genau wie der Hals-Nacken-Bereich mit erhöhter emotionaler Stressbelastung im Zusammenhang steht und direkt an die Stellung des Beckens gekoppelt ist.

Also beißt euch nicht am Leben fest 🙂

Beste Grüße,

Daniel

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/24648630
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27003454

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Daniel Müller NKT

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Sport- und Bewegungstherapeut und Trainer verbinde ich meinen Wissens- und Erfahrungsschatz aus neurobasierten Ansätzen und Natural Movement zu einer individuellen Herangehensweise, die auf hohe Bewegungsqualität abzielt, egal ob in der Therapie oder im Hochleistungssport. Ich kombiniere medizinisch-therapeutisches Wissen mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen, einem breiten Verständnis für menschliche Bewegungen und Trainingslehre sowie einem bio-psycho-sozialen Modell von Gesundheit.